Kurzgeschichte: Der Admiral und das Mädchen

Es war einmal ... so fangen doch alle Märchen an. Dies ist aber kein Märchen, die Geschichte hat sich wirklich so zugetragen. Sie ist auch noch nicht beendet, da die Betroffenen noch am Leben sind, abgesehen von einer Person, die im August 2003 gestorben ist.

Anton aus Baden-Baden wanderte mit seiner Mutter im Alter von 20 Jahren 1954 in die USA aus. Sie hatten dort bereits Verwandte im Bundesstaate Michigan, die nur das Beste zu berichten hatten von der „Neuen Welt“.

Ein reicher Bekannter der Familie nahm Anton zu sich nach Californien, wo er Land und Leute besser kennen- und lieben lernen sollte, als dies in Michigan möglich erschien, denn man hatte das Gefühl, der junge Mann fühle sich nicht heimisch in der Neuen Welt. Dies entsprach auch den Tatsachen. Er konnte dort absolut nichts tun mit seinem deutschen Abitur-Zeugnis in der Hand, welches an den Universitäten nicht anerkannt wurde. Ein Studium als Agronom wäre das einzige gewesen, was ihn offen gestanden wäre. Ausbildungen in Form von Lehren gab es nicht, gibt es bis zum heutigen Tage nicht in USA.

Anton hielt sich also in Californien auf, wo er sich nicht viel besser fühlte als zuvor in Michigan, denn auch dort hatte er nichts zu tun. D.h. er lernte immerhin irgendwann Leute seines Alters kennen, konnte wenigstens am Abend mit denen „durch die Gassen“ ziehen, was immer dies in USA auch bedeuten möge. Auf einem dieser Streifzüge lernte er die wunderbare, sehr hübsche, sich total abhebende von allen anderen Mädchen, Liana kennen. Klar, als Puerto Ricanerin sah sie nicht nur ganz anders aus, sie hatte auch ein ganz anderes Temperament als all die anderen Mädchen, die Anton bis anhin in USA kennengelernt hatte. Sie kam ihm irgendwie „europäischer“ vor, halt offener, nicht so zugeknöpft wie all die anderen.

Vermutlich erschreckte sich der doch etwas schüchterne Deutsche zu Tode, als er realisierte, dass Liana ihn offen anlachte, dass sie auf ihn zukam, kurz: Dass seine Bewunderung für sie nicht ohne Reaktionen geblieben waren! Die Vorstellung bei ihren Eltern musste kommen, obwohl man genau wusste, dass diese in einem Drama enden würde: Ein super-reiches, puerto-ricanisches Elternhaus; der Deutsche, der nichts in Händen hält, nicht einmal sagen kann, wie er die Tochter zu ernähren gedenkt, kommt, um um die Hand der Tochter anzuhalten. Geliebt wurde Anton von Liana’s Eltern nicht. Sie wurden aber trotzdem seine Schwiegereltern. Liana setzte sich durch, die beiden heirateten, ohne die Zustimmung von Liana’s Eltern, was 1956 in Puerto Rico noch einen riesigen Skandal auslöste im Umfeld von Liana’s Eltern.

Was man beim ersten Blick durch die rosarote Brille nicht gesehen hatte: Geld! Man braucht einfach Geld zum Leben. Liana war noch Studentin, ihr Studium in Californien hatte ihr Vater finanziert. Anton verdiente sich hier ein paar Dollars, dort ein paar Dollars mit Gelegenheitsjobs, aber niemals genug, um auch nur sich selbst über Wasser zu halten. Tja, nach der Hochzeit wurde das Geld aus Puerto Rico für die Tochter abgestellt, denn man hatte ja ohne die Zustimmung der Eltern geheiratet. Damit hatten die beiden niemals gerechnet, bzw. sie hatten niemals an Geld und dessen Notwendigkeit gedacht.

Es stellte sich auch sehr bald heraus, dass die Tochter aus sehr reichem Hause, einen gewissen Lebensstandard brauchte, sie konnte einfach nicht anders. Was nun? Die einzige Möglichkeit für Anton an eine Ausbildung und an Geld zu kommen: Das Militär! Dieser Weg war ihm zum Glück durch die Heirat nun geöffnet, denn die Puerto Ricaner sind von Haus aus Doppelbürger, im Besitze eines puerto-ricanischen wie auch eines amerikanischen Passes. Anton konnte die amerikanische Staatsbürgerschaft beantragen und somit in die „American Navy“ eintreten, wo er auch relativ schnell eine steile Karriere machte. Liana ging es gut, sie war happy, wenn sie sich im „Captains Club“ in ihren vielen langen Kleidern bewegen konnte. Dass Anton teilweise monatelang am Stück weg von zu Hause und sie keine Ahnung hatte, wo er war, das war ihr egal, Hauptsache, sie war jemand: Die Ehefrau von Admiral Muller.

So gingen viele Jahre ins Land, alle waren glücklich und zufrieden bis zu Anton’s Pensionierung von der Navy, was ja in einem relativ jungen Alter stattfindet, je nach Diensttagen bereits Ende 40. Sie bekommen dann eine stattliche Summe Dollars ausbezahlt, eine Starthilfe fürs neue Leben. Diese hat Anton auch mit links geschafft: er hat seine eigene Versicherungsvertretung aufgemacht.

Eines schönen Tages bei einer typisch amerikanischen Party, viele sind eingeladen, jeder bringt noch Freunde mit, denen es auch gefallen könnte, jeder stellt jeden vor, lernte Anton ein „Mädchen“ kennen. Mädchen, naja, sie war 28 Jahre alt, aber er, mit seinen 48 Jahren, nannte sie halt „Mädchen“. Anton hatte plötzlich dieses „europäische“ Gefühl wieder: Sie war so ganz anders als alle anderen Frauen, die er seit so vielen Jahren um sich rum hatte. Sie war locker, offen, mit ihr konnte man scherzen, mit ihr konnte man auch als Mann, Gespräche, ja sogar enrsthafte Gespräche führen, was man als Mann mit den amerikanischen Frauen auf Parties nicht kann. Da stehen die Männer auf einer Seite, die Frauen auf der anderen, fein säuberlich getrennt. Wenn Anton mit ihr zusammen war, fühlte er sich zu Hause. Es dauerte nicht lange, bis er des öfteren vorbei ging bei ihr, zum Kaffee trinken, um ihr sein Herz auszuschütten, über seine Arbeit zu erzählen, mit ihr zu reden, einfach nur so, um bei ihr zu sein. Natürlich wollte er bei diesen Besuchen auch mehr über sie erfahren, was ihm auch gelungen ist. Sie hat ihm mehr als bereitwillig über ihr eigenes Leben Auskunft gegeben, denn sie hat seine Anwesenheit nicht weniger genossen, als er die ihrige. Es hat sich eine innige Beziehung zwischen den beiden entwickelt. Nach kurzer Zeit hat ihr kleiner Sohn Anton als seinen amerikanischen Großvater adoptiert, er nennt ihn heute noch „Opa Anton“. Ein Beweis dafür, dass Kleinkinder Großeltern brauchen, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Als ihre Tochter an Anton’s 50. Geburtstag geboren wurde, kriegte der sich kaum mehr ein. Das sei nun wirklich das schönste Geburtstagsgeschenk, das ihm jemals jemand gemacht hätte – dabei hatte er wirklich nichts damit zu tun. Anton kam noch öfters vorbei, denn die Kleine war ja den ganzen Tag über zu Hause, mit der konnte man spielen, die konnte man knuddeln. Der „Adoptiv-Enkel“, der war schon im Kindergarten.

Im Juni 1988 ist „das Mädchen“ mit ihrer Familie von USA wegversetzt worden, denn ihr Mann arbeitete für eine multinationale Firma. Die Beziehung zu Anton besteht bis heute weiter.

Während der letzten 12 Jahre hat er sich für seine Alzheimer’s kranke Liana total aufgeopfert. Er hat sie zu Hause gepflegt, bis sie jetzt im August 2003 endlich von ihrem Leiden erlöst wurde. Gerade seit Liana’s Tod telefonieren der „Admiral und das Mädchen“ wieder häufiger miteinander als zuvor, denn Anton findet sich noch nicht so richtig zurecht seit Liana’s Tod. Er muss ein neues Leben anfangen, wieder lernen, dass er weggehen kann, Leute einladen kann, dass er frei ist, das zu tun, worauf er Lust hat etc. Alles Dinge, die er der Alzheimer’s kranken Liana zu Liebe aufgegeben hatte für so viele Jahre. „Das Mädchen“ wird ihm die Kraft geben, diesen neuen Lebensweg zu finden...

Das Mädchen
Oktober 2003
21.06.2016 © seit 12.2003 Brigitta Pucher
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