Story: Eine Weihnachtsgeschichte aus Deutschland

Teaser: Es soll noch Menschen geben, die bei Weihnachten an das Fest der Liebe denken. Doch was bedeutet Liebe? Eine Erinnerung an den Mythos Jesu und eine symbolische Dankbarkeit an die heiligen drei Könige? In dieser Weihnachtsgeschichte dürfen Sie auf einige ungewöhnliche Wendungen gespannt sein!

Mit der schriftlichen Vorladung in der Hand und ihrem Kind auf dem Arm, betrat Maria die Eingangshalle der Agentur für Arbeit. Es war 7.30 Uhr. Hilflos tasteten sich ihre Blicke durch den großen Raum, als ein Mann, in blauer Uniform und der Aura eines vergessenen Platzanweisers des längst abgerissenen Kinopalastes der Stadt, ihr entgegen trat.

Seine einweisende Gestik wirkte grotesk und überflüssig, denn die Halle war hell erleuchtet. Als Hüter der Schwelle, so schien es ihr, bewachte er den Zugang einer vor ihm beginnenden Warteschlange, zu deren Beitritt es nun seiner Überwindung bedarf.

Vier breite Menschenreihen in horizontalen Parallelen, zwischen mit roten Bändern verbundenen Pfosten, bildeten bereits eine Tross. Unruhig drängend und wartend, wie verzweifelte Kleinanleger am "Schwarzen Freitag" anno 1929 vor einer Bank-Filiale einer mittleren Kleinstadt im Oberbergischen.

Maria schloss sich der wartenden Menge an. Ihr Ziel aber war es nur, zu einem der Schalter vorzudringen, um sich registrieren zu lassen. Ihr Kind wurde unruhig. Das Vorladungsschreiben war Objekt seiner oralen Begierde geworden. Ein Schnuller, den sie ihm in den Mund steckte, ermöglichte ihr, sich die verbliebenen Inhalte des Schreibens noch einmal in Erinnerung zu rufen.

Um 8.00 Uhr erwartete sie ein Herr Balthasar im Zimmer Nr. 333 des Gebäudes. Sie aber war in einem Labyrinth gefangen, dessen sichtbares Ende aus mehreren Schaltern in der Masse der Leute unerreichbar schien. Und dessen lebendiger Ariadnefaden sie nur Zentimeter um Zentimeter voran brachte.

Die Wartezeit schlich zäh und ermüdend dahin. Um 8.10 Uhr stand sie endlich vor einem Schalter, nur um einen kleinen Zettel mit einer Registriernummer zu erhalten. Ihre Füße schmerzten und ihre lahmen Arme trugen tapfer das Kind, als nunmehr die Odyssee zum Amtszimmer mit dem mühevollen Aufstieg breiter Treppen mit ungleichen Stufen, begann. Sie endete zunächst auf der 3. Etage, wo sie ein weiter Flur vor eine Tür ohne Aufschrift führte.

Sollte sie an die Tür klopfen, obgleich sich ihr die Weiten zweier Korridore nach rechts und nach links eröffneten? Die Ungewissheit vielleicht wieder vor dem "Nichts" einer unbeschriebenen Tür zu enden, ließ sie nervös um sich blicken. Ihr Termin bei Herrn Balthasar war bereits um 20 Minuten verstrichen. Sie bog nach rechts ab und stand am Ende des Gangs erneut vor einer Tür.

Die Aufschrift lautete: "Bitte einzeln eintreten". Auf Augenhöhe neben der Tür las sie: "Zimmer 333. Herr Balthasar, Sachbearbeiter". Zaghaft und noch ein wenig außer Atem, klopfte sie an. Sie zögerte einen Moment, bevor sie den Türgriff hinunter drückte und den Raum betrat.

"Nehmen Sie Platz", sagte eine anonyme Stimme aus der Tiefe des Raumes. "Ich habe Sie schon erwartet." Sie näherte sich einem vor ihr stehenden Schreibtisch, dessen Oberfläche sich durch den Schein einer Lampe aus dem Dunkel des Raums, offenbarte.

Unter dem Lampenlicht lagen bewegungslos zwei Hände. Hinter den Händen zeichneten sich gespenstisch die Konturen eines menschlichen Schattens ab. Sie setzte sich und blickte in ein fahles Gesicht, aus dessen Mund sich nun, welche frohe Botschaft auch immer, für sie verkünden würde. Mit zitternder Hand reichte sie die verbliebenen Reste der Vorladung über den Tisch.

Ihr Kind griff nach einem kleinen, vor ihm stehenden Weihnachtsengel und lächelte ihn an. Herr Balthasar begann, leicht irritiert von dem spontanen Angriff auf seine Weihnachtsdekoration, seinen Vortrag: "Für Sie käme zur Zeit der Mindestsatz nebst Miete und Heizung zur Anweisung, vorläufig und abzüglich Kindergeld", erklärte er ihr mit belehrendem Unterton.

"Seitens des Jugendamts stünde in Kürze noch ein Termin an. Sie möge sich dort mit einem Herrn Kaspar in Verbindung setzten. Dem gegenüber müsse sie den Kindsvater benennen, da dieser zum Kindesunterhalt verpflichtet sei".

"Andererseits müsse man ihre Verlobung mit einem gewissen Josef zum Anlass nehmen, die Feststellung der Vaterschaft von Amtswegen herbeizuführen. Mit dem aufgeblähten Pathos, bei der Beförderung übergangener unterer Verwaltungsdienstgrade, fuhr er fort, "dass nach den §§ 60, 66 SGB II die Mitwirkung des Empfängers verpflichtend sei".

Es schien, als zahle er, die Maria zustehenden Geldmittel, aus seiner eigenen Tasche. Sie möge die noch fehlenden Dokumente zum nächsten Termin mitbringen, der in 6 Wochen vorgesehen sei. Mit einem seiner Amtsautorität zuwider erscheinenden Blick auf das geschändete Vorladungsfragment in seinen Händen, teilte er ihr mit, dass sie noch schriftlich benachrichtigt würde. Maria beklagte sich darüber, dass das Wohnungsamt bis heute noch keine Wohnung für sie und das Kind vermitteln konnte.

Sie sei in einem Anbau des örtlichen Frauenhauses der Caritas untergekommen, berichtete sie weiter, in dem es zieht und die Heizung nicht funktioniert. Diesbezüglich hatte sie bei einem Herrn Melcheor vorgesprochen, der ihr mit mürrischer Miene, nach langen Bitten, ein Zimmer zuteilen ließ. Er sei seit Wochen überbelegt und wundere sich, wo all die Mütter mit ihren Kindern herkämen, rezitierte sie ihn.

Mit aufgesetzt - verständnisvoller Miene erklärte Balthasar ihr, dass die derzeitigen Umstrukturierungen zu internen Verzögerungen führten, die er nicht zu vertreten habe, da von übergeordneten Stellen noch keine entsprechenden Direktiven erteilt wurden.

Er beendete das Gespräch mit frostiger Freundlichkeit und einem analogen Lächeln, das seinen goldüberzogenen Zahnersatz für einen Moment sichtbar werden ließ. Maria und ihrem Kind fröhliche Weihnachten wünschend, bat er sie das Amtszimmer zu verlassen.

Maria blickte ihn mit verwirrt wirkender Sprachlosigkeit an, bedankte sich dabei schüchtern und verließ den Raum. "... keine Direktiven erteilt wurden", murmelte sie. "Was soll das heißen?" fragte sich Maria. Sie war sich sicher, dass Josef sie bis heute nicht berührt hatte.

Eine Schwangerschaft von ihm war selbst, als unbefleckte Empfängnis ausgeschlossen, da er kurz nachdem sie sich kennen lernten, von seiner Baufirma für 6 Monate nach Ägypten auf Montage geschickt worden war. Sie wusste auch nicht, von wem das Amt über ihre Verlobung mit Josef informiert sein konnte. In Gedanken versunken auf einem der endlosen Flure entlang gehend, hob sie ihren Blick und erschrak heftig, als plötzlich Angelo vor ihr stand.

Sie erkannte Angelo Gabriello sofort. Er war Leiter der Abteilung "Kontaktanzeigen- und Leserwünsche" des hiesigen Wochenblattes, bei dem sie als Aushilfstelefonistin gearbeitet hatte.

Schon als sie ihm zum ersten Mal begegnete, berührte sie sein missionarischer Charme, der mit der keuschen Erleuchtung eines Zeugen Jehovas bei der Haustürakquise vergleichbar war. "Maria", rief dieser erstaunt aus! "Angelo", murmelte Maria mit nachhaltiger Verwunderung.

Ihre Blicke trafen sich fragend und mit einem Hauch von scheuer Verklärtheit. Maria errötete, während das Kind auf ihrem Arm Angelo mit leuchtenden Augen ansah, wobei es spontan seine Arme nach ihm ausstreckte. Den kleinen Weihnachtsengel vom Schreibtisch Herrn Balthasars, noch immer in der Hand haltend.

Merklich peinlich berührt von der unerwarteten Begegnung entschuldigte sich Angelo, dass er sich so lange nicht bei ihr gemeldet habe. Er sei aber so beschäftigt und immer unterwegs. Die ihm sichtlich unangenehm werdende Situation, beendete er mit einem nervös ausgesprochenen: "Fröhliche Weihnachten" und einem kurzen "Adieu" zum Abschied.

Marias Erwiderung der Weihnachtswünsche verhallten ungehört, denn Angelo war längst schon um die Ecke des Korridors gebogen und nicht mehr zu sehen. "Ja", seufze sie. "Ich bin ALG II Empfängerin und allein erziehend".

Diese ernüchternde Erkenntnis ließ für einen Moment die verklärte Entrücktheit des vergangenen Augenblicks so verblasst erscheinen, wie das noch im Morgendunst gefangene Licht der aufgehenden Sonne. "War Angelo auch ALG II Empfänger?", fragte sie sich, "oder unterwegs im Auftrag seines Wochenblatts?", dachte sie fragend weiter.

Nach und nach erhellte sich aus dem Dunkel ihrer Erinnerung, was sie und Angelo verband. Angelo hatte sie nach dem letzten Betriebsfest nach Hause gefahren. Seine sublime Leidenschaftlichkeit im Auto erschien ihr rückblickend einmal mehr, als eine Begegnung der dritten Art. Aus ihrer Erinnerung schoss jener strahlendurchdrungene Akt der Empfängnis in ihr Bewusstsein.

Den Strömen gleißenden Scheinwerferlichts, untermalt vom Stakkato der Fahrgeräusche, der aus dem Dunkel der Nacht kommenden und entfliehenden "Lichtträger", sah sie sich erneut ausgesetzt, wie in jener Nacht in einer Haltebucht auf der B9. Ihr wurde schwindelig, und sie verspürte dieses Gefühl grenzenloser Begierde von damals.

Atemlos rang sie nach Luft. Sie kam zu sich und blickte auf das grell-flatternde Licht einer beschädigten Neonröhre an der Decke des Flures. Umhüllt von der Unbeflecktheit einer Marienstatue, verließ sie das Gebäude durch die Glastüre, die sich mit der Magie einer höheren Macht lautlos für sie geöffnete hatte.

"Ein paar Windeln sollte ich noch für das Kind besorgen", dachte sie bei sich, und wollte gleich noch bei Plus vorbeigehen. Dort hatten sie zu Weihnachten welche im Angebot, wie sie gehört hatte. Ihr Kind blickte entrückt über ihre Schulter, auf die sich magisch wieder verschließende Glastür. Aus einem Lautsprecher drang von fern an ihr Ohr: "Vom Himmel hoch, da komm' ich her.."

Frohe Weihnachten!

17.12.2012 © seit 12.2008 Bernhard Lubberger
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