Story: Unbeschreiblich weiblich ...?

Teaser: Was heißt eigentlich "unbeschreiblich weiblich"? Oder anders - welches Selbstbild gibt sich eine reife Frau? Solche Fragen sind nicht einfach - schon gar nicht eine befriedigende Antwort darauf zu finden. Lesen Sie in dieser Story, wie die Autorin dieser Frage nachgeht.

Als zweifache Mutter frage ich mich manchmal ernsthaft: „Was ist das eigentlich, unbeschreiblich weiblich?“ Ich denke, da muss man zunächst einmal ganz stark differenzieren. Wenn ich von „man“ spreche, meine ich eigentlich meinen Mann. Denn wir leben in zwei Welten - da wäre zunächst mal seine Welt.

Mann bei der ArbeitEr arbeitet in einem Nobelviertel an einer guten Adresse und hat lauter zahlungssolvente Kunden um sich herum, die Verkäuferinnen - da geht es schon mal los - nicht Verkäuferinnen sondern Einkaufsberaterinnen. Dementsprechend sehen sie auch aus. Er fährt also mit seinem chicen Auto zur Arbeit, trägt einen Armani-Anzug mit einer Versace-Krawatte. Selbstverständlich sind seine Schuhe geputzt und sein Hemd gebügelt.

Und dann komm ich! Ich habe eine Unfrisur, manchmal - gerade im Winter - stehen mir die Haare auch gerne mal zu Berge, weil ich einen Schal oder eine Mütze aufgesetzt habe. Ich habe dreckige Schuhe an, weil ich - zu Fuße - die Kinder durch die Kleingärten hin zur Schule und zum Kindergarten gebracht habe.

Wen treffe ich denn so im Laufe meines Tagesablaufs? Ich begegne der netten Nachbarin, die auch ihre Kinder zur Schule oder zum Kindergarten bringt und tausche mich kurz mit ihr über Alltagssorgen aus. Danach treffe ich auf dem Schulgelände ein - freundliche kleine Erstklässler, die meine jüngste Tochter belagern, laufen mir über den Weg.

Und dann kommen, wenn schon alle zum Unterrichtsbeginn im Schulgebäude sind, die Eltern, die es einfach nicht auf die Reihe bringen pünktlich zu kommen. Bei ihnen ist man sich sicher, dass auch ihre Kinder in Hartz IV oder ähnliche Probleme stürzen, damit die Familienchronik fortgeführt wird.

Wie kann es sein, dass ein Erwachsener es nie schafft sein Kind morgens pünktlich zur Schule zu bringen? Was soll das Kind daraus lernen? Dass es egal ist, wann man ankommt oder überhaupt ob man ankommt? Es gibt dann auch noch die Eltern, die ihr Kind krank melden, weil sie es versumpft haben aufzustehen. Mit diesen Fragen des Lebens beschäftige ich mich dann auf meinem Weg nach Hause. Schnaufend vor Wut und manchmal auch vor Kälte komme ich zu Hause an.

Für meinen Mann bin ich zu einem zeternden Neutrum mutiert, von Weiblichkeit keine Spur - ich bin dann nur noch Muttertier. Es gibt auch Situationen im meinem Leben, wo ich versuche, in seiner Welt einen angemessenen Platz zu erhaschen. Leider merke ich aber immer wieder - ich bin überhaupt nicht mehr stylisch.

Der Blick in den Kleiderschrank wird zur Qual. Wenn ich nach langem Suchen endlich etwas zum Anziehen gefunden habe, was vielleicht noch vor drei Jahren trendy war, gibt’s längst nicht mehr die passenden Schuhe, geschweige denn die passende Handtasche dazu. Wieder zurück vor den Kleiderschrank und neu suchen? Nein, dazu fehlt die Zeit, denn die Kinder sind längst aufgemotzt und fertig und bevor die nun wieder zur Tagesordnung übergehen, lieber schnell los.

Mutter mit KindernWas, die Kleine muss noch gewickelt werden? Okay, aber schön vorsichtig, mit dem gebührenden Abstand zur Wickelkommode, denn schließlich ist Mama geschminkt, ihre Bluse ist weiß und frisch gebügelt. Geschafft! Keine Hinterlassenschaften auf den Klamotten, den edlen Mantel noch überziehen und raus.

Bis zum Auto ist der ganze Stress vergessen, doch was ist das? Beim Anschnallen der Kinder im Kindersitz, ist der Fußabdruck von den Schuhen der Kleinen auf meinem Mantel gelandet. Es gibt jetzt eh kein Zurück mehr - ich versuche mich zu beruhigen, indem ich mir sage: „ Das fällt schon keinem auf, ist soweit unten!“ Eine Wahl habe ich sowieso nicht - das ist mein einziger Mantel.

Als ich dann im Geschäft meines Mannes ankomme, strahlt er mich an, seine Mitarbeiter grüßen mich ehrfürchtig. Komisches Gefühl, sein Kompagnon sagt dann noch: „ Ah, da kommt ja Ihre Regierung!“ Ich lächle milde, aber am liebsten möchte meine Faust in sein Gesicht - nicht seine Regierung sondern seine Kampfhenne, denke ich noch.

Schließlich kommt eine Einkaufsberaterin um die Ecke, mustert mich von oben bis unten und bevor sie „guten Tag!“ sagt, sagt sie: „ Sie haben da einen Fleck auf Ihrem Mantel!“ „Ach, wirklich?“ Und ich denke, ich seh´ so albern und overdresst in meinem Anzug aus. Die laufen hier in Jeans herum, natürlich nur Designer, und sie haben auch einen Designerhintern, der mir - ohne es zu wollen - ständig ins Gesicht springt.

„Ihre Kinder sind ja ganz reizend, so hübsche Töchter!“ "Denkt man gar nicht bei der Mutter", möchte ich sagen, verkneife es mir aber und sage: „Danke.“ Die Kinder reißen mich dann aus der Hölle, denn die eine braucht was zu trinken und die andere muss mal zur Toilette. Ich möchte am liebsten beides: „ Einen Drink auf'm Klo!“, das wäre glaube ich hier der einzige Ort, an dem ich mich wohl fühlen könnte.

Das war jedoch nicht immer so. Auch ich hatte mal Kleidergröße 36 und wusste was angesagt war. Aber war ich so mies meinen Mitmenschen gegenüber? Ich glaube nein!

Ich gebe jedoch die Hoffnung nicht auf, dass ich auch mal auf selbstbewusste, schöne Frauen treffe, die es nicht nötig haben andere klein zu machen, sondern sie so sein lassen zu können, wie sie sind, nämlich ebenbürtig.

Freut euch doch über eure Jugend, eure tolle Figur oder euren Lifestyle, was auch immer, aber lasst mich meines Weges zieh'n - ich lass euch doch auch in Frieden. Ich sag doch auch nicht, sieh mal, egal wie fett ich dir scheinen mag, ich bin wenigstens die Frau vom Chef. Das ist doch auch nichts, womit ich mich schmücken kann.

Ich hab meinen eigenen Job und den mache ich gerne. Ich kann auch auf eigenen Beinen stehen, warum immer dieses Getue unter Frauen? Wo bleibt da die Fairness? „Mensch Mädel!“, möchte ich dann manchmal sagen, „pass auf was du sagst, denn meine reizenden Töchter stehen vielleicht irgendwann vor dir, dann bist du alt und vielleicht auch etwas runder um die Hüften, möchtest du dann so gemustert und abgewertet werden?“

Was sollen immer diese Äußerlichkeiten, gibt es denn nichts Wichtigeres im Leben?

18.06.2012 © seit 03.2009 Page Angel  
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