Platonische Satire: Was wäre die Erde ohne Kugel?

Teaser: Logisch betrachtet kann es keinen Körper mit unendlich vielen Flächen geben - oder? In diesem philosophischen Fun-Artikel macht sich der Autor Thorsten Boose einen Spaß daraus, über das Unmögliche nachzudenken. Vielleicht inspiriert dieses Gedankenspiel auch Sie!

Wer kennt sie nicht, die fünf platonischen Körper? Zugegeben, sie sind uns im Alltag nicht immer bewusst. Aber wer ohne schlechtes Gewissen an die PISA-Studie denkt, dem dürften Tetraeder, Hexaeder, Oktaeder, Dodekaeder und Ikosaeder ein Begriff sein.

In einer Zeit, in der man mit den gesellschaftlichen Regeln auch ohne Platons Lehre bereits aneckt, wenn man nein zu verordneten Schmerzmitteln und ja zur persönlichen Behandlung des Hausarztes sagt, wird einem Philosophen eines bewusst: Was wäre die Welt wohl ohne die Kugel?

Rund läuft es mit der Kugel. Sie ist kein platonischer Körper und doch des Philosophen liebste Form, denn sie besitzt eine unendliche Fläche, die zum Träumen einlädt.

Noch immer liegt mir der Geschmack des herben Rotweins auf der Zunge, wenn ich an Platons Gastmahl zurückdenke.

Und Platon, der antike Grieche, erklärte mir, was es mit diesem geometrischen Außenseiter auf sich hat. Es ist schließlich nicht alles rund, was rollt!

Laut Platon gab es nämlich einst drei Geschlechter: den Mann, die Frau und den Frau-Mann – oder um es politisch korrekt zu ergänzen auch die Mann- Frau.

Zwitter, was daran so anders sein sollte, fragen Sie sich? Anders daran ist, dass laut Platon diese Kugelmenschen je zwei Paar Extremitäten besessen haben und sich dabei quasi gegenseitig Huckepack genommen haben sollen. Wie praktisch.

Doch weil sie sich – wie sooft in der Geschichte der Menschheit – unzüchtig verhielten, teilte Zeus die Kugelmenschen zur Strafe, auf dass sie ewig Sehnsucht zueinander verspüren sollten. Es geht also wieder einmal um die Liebe.

Hat Platon Zeus im Nachhinein eins auswischen wollen, indem er die Kugel nicht zu „seinen“ Körpern zählte? Wir wissen es nicht, aber selbst wenn es so gewesen wäre, Zeus hätte die Oberhand behalten: Denn in jedem platonischen Körper befinden sich je drei Kugeln, die In-, die Um- und die Kantenkugel.

Eine schöne Parallele zu den drei Geschlechtern. Die Menschheit hat sich also wieder einmal selbst der Vollkommenheit entsagt, sich aus dem Garten Eden vertreiben lassen, was die Frage, was die Welt wohl ohne die Kugel wäre, schon beantwortet: Sie wäre so, wie sie bereits seit Langem ist, platt; zumindest was die Menschlichkeit angeht.

Denn an eine Erdscheibe wollte selbst in der Antike nicht jeder glauben. Die Kugel bedeutet Freiheit, nicht nur, was die kantenlose Fläche angeht. Gegenrevolutionäre zur „platten Erde“ gibt es aber nicht nur unter den Philosophen. Auch Lothar Schulz, passionierter Kugelknipser, entdeckte die Faszination dieses außergewöhnlichen Körpers und schreibt dazu auf seiner Webseite:

„Ein Kugelknipser ist ein Sphärologe, welcher die Faszination der Sphären mit Hilfe der Fotografie dokumentiert.“

Die Fotos von Herrn Schulz bieten einen außergewöhnlich neuen Blick auf unsere Erde und uns selbst. Sind wir Menschen nun dazu verdammt, ewig unsere Vollkommenheit zu suchen, damit wir wieder zum Kugelmenschen, und damit ist nicht die Völlerei gemeint, werden?

Es spricht mehr dafür als dagegen, denn welcher Mensch auf Erden möchte nicht sein persönliches Glück finden. Platons Gastmahl widmet sich so gesehen speziell diesem perfekten Körper, der Kugel, und wirft der Menschheit ihr einstiges fatales Verhalten vor und warnt, heutzutage mehr denn je, vor einer erneuten Trennung des Menschlichen.

Um nicht noch einmal von Zeus gespalten zu werden, endet diese kritische Geschichte mit dem Aufruf: Rettet den Unendlichflächner, den Infinitaeder, des Philosophen liebster Körper!

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Sinnieren!

14.10.2019 © seit 01.2010 Thorsten Boose  
Kommentar schreiben

Bruce Lee: Gespräche
Leben und Erbe einer Legende

Thorsten Boose

Bruce Lee gehört zu den einflussreichsten Stars und Ikonen dieser Welt.

Der deutsche Jackie Chan
Filmführer

Thorsten Boose

Dieses einzigartige Nachschlagewerk klärt über 190 Filme auf und mehr als 30 weitere Produktionen werden vorgestellt.

Hongkong, meine Liebe
Ein spezieller Reiseführer

Thorsten Boose

In diesem Reiseführer erleben Sie einen Urlaub der besonderen Art.